| Neujahr, 9 Uhr am Morgen. |
| Der erste Morgen in diesem Jahr. |
| Eine wunderbare Sonne, ein wunderbarer Tag, hier an dieser Stelle, an dieser Bank, wo ich so oft bin. Der Blick reicht weit, bis nach Mannheim und über die Rheinebene bis an den Pfälzer Wald. Zumindest, wenn die Luft klar ist, die Ferne ungetrübt. Heute Morgen ist alles klar. Hinter mir steigt die neue Sonne aus dem Dunkel des Odenwalds, ein paar Minuten noch und dann ist alles in Gold gebadet. |
| Der Hund hat keinen Blick für das Weite, er hat die Schnauze an der Erde, folgt einer ganz konkreten Spur. Seine Realität, Geruch von Hase, oder Reh, oder Fuchs sind für mich nicht wahrnehmbar, obwohl ich mitten drinnen stehe in diesen unsichtbaren Pfaden. |
| Neujahr, 1.1.2020, ich habe mir für das Jahr nichts vorgenommen, aber für heute. Ich habe mich auf diesen Spaziergang gefreut, darüber gefreut, dass es wieder möglich ist, zu gehen, ohne Krücken, ohne Schmerzen, in der aufgehenden Sonne, mit etwas Forst, der den Matsch des Weges fest macht und mir einen sicheren Tritt erlaubt. Ich möchte meine Gedanken einfach wandern lassen, Raum lassen für das, was so kommt im Kopf, und wenn es leer und still bleibt, dann ist es auch gut. |
| Ich möchte diesen Tag in bewusster Langsamkeit verbringen, das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker hören, das Skispringen am Fernsehen genießen, einen Mittagsschlaf machen. Ich möchte an einer Geschichte weiterschreiben, die schon lange nicht fertig werden will, ich glaube heute ist ein guter Tag dafür. Und vielleicht habe ich noch die Energie, am späten Nachmittag wieder hinauszugehen und die Sonne untergehen zu sehen. |
| Der Tag ist mir wichtiger geworden als das Jahr, als der Monat. |
| Die Alten Weisen aus dem Osten wussten schon lange von dieser Wichtigkeit, vielleicht ist es ein Vorrecht des „älter-werdens“ sich dieser Weisheit anzunähern. |
| Achte gut auf diesen Tag, |
| und Wahrheit des Daseins. |
| die Herrlichkeit der Kraft – |
| denn das Gestern ist nichts als ein Traum |
| und das Morgen ist nur eine Vision. |
| Das Heute jedoch – recht gelebt – |
| Zu einem Traum voller Glück |
| Zu einer Vision voller Hoffnung. |
| Drum achte gut auf diesen Tag. |
| Ja, achtet gut auf den Tag, seid wach und klar. Achtet auf Euch, sorgt für Euch. Nur wenn Ihr fest im Tag steht, könnt Ihr halten und aushalten. Werdet Euch bewusst, was Euch wichtig ist und was nicht; und der Tag ist die Zeit, dem Wichtigen zu folgen und das Unwichtige zu lassen. Achtet gut auf den Tag! |
| Achtsamkeit braucht Übung, immer wieder. Was man übt, prägt sich ein und was man mehr übt, prägt sich tiefer ein: |
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