Newsletter 28.1.2020


Drehpunkt Leben
Geschichte: „An einem Sonntag oder warum werden die Buchstaben so klein“
DL-Bild-2015-12-08 Bahnhof Basel
Sonntagabend. Schon eine Weile durchs Rheintal gerollt. Der ICE verlässt gerade den Bahnhof Karlsruhe. Die Schilder verschwinden so schnell vor dem Fenster, dass ich gerade noch das „K“ mitbekomme. Ich bemerke das Losfahren nur, weil es ruckelt und der Becher mit dem halbkalten Kaffee auf dem Tisch verrutscht. Ich habe den Kaffee in letzter Minute am Mannheimer Bahnhof zusammen mit den üblichen Baguettes gekauft, aber noch keine Zeit gehabt, ihn auszutrinken. Auch jetzt schaue ich nur kurz auf vom PC, verspüre Hunger und verschlinge das dritte und letzte Käse-Schinkenbaguette.
Gestern Mittag erst zu Hause angekommen fühle ich mich wie gar nicht ausgestiegen. Die kurzhaarige Schaffnerin von gestern scheint immer noch Dienst zu haben, der Müllbehälter am Tisch ist immer noch vollgestopft mit Obstresten und Plastikpapier. Das gleiche Rattern, das Piep-Piep-Piep der Türen, selbst der junge Mann mir gegenüber, der seit Mannheim nur in sein Handy schaut, scheint der gleiche zu sein, wie am Samstagmorgen.
Jetzt ist das Netz wieder weg. Ärgerlich! So kann ich nicht arbeiten! Hätte ich mir den File doch auf die Festplatte kopiert, jetzt ist es zu spät. Ein schneller Blick auf die Uhr, halb sieben. Um neun sollten die Korrekturen spätestens beim Lieferanten sein, damit dessen Spezialisten sich bis morgen früh noch vorbereiten können. Wird wohl nichts.
Plötzlich überfällt mich ein Zittern und endlose Müdigkeit. Mein Mund ist trocken, ich greife zum kalten Kaffee. Kann den Becher nicht mit einer Hand halten, muss beide Hände nehmen. Das Starbucks Logo erscheint mir winzig auf dem Halbliterbecher.
Wie ein kleiner Blitz zuckt es durch meinen Kopf: „Was macht du eigentlich hier? Es ist Sonntagabend und schon wieder bist du im Zug, wie schon die ganzen letzten Wochen. Du hast nur den Vertrag im Kopf und Termine. Hast du sie noch alle?“ Draußen ist es schon dunkel geworden, wieder eine Fahrt in die Nacht.
Ich schließe die Augen, verschließe mich tiefer. Wer immer da in mir spricht, ich kann das jetzt nicht hören, ich kann jetzt nicht anhalten, die Termine werden immer enger, die Zeit immer knapper und irgendwie wachsen die Aufgabe wie Unkraut. Anhalten geht nicht jetzt. Anhalten geht überhaupt nicht mehr.
Noch eine Stimme: „Du musst wirklich mal eine Pause machen. Du machst dich kaputt und mich und die Kinder belastet das auch schon. Das ist doch nicht normal: Sonntagabends weg, die ganze Woche in der Schweiz und erst am Samstagmorgen zurück.“
Ich winde mich, mein Magen krampft, verstehe es, doch ich kann jetzt nicht anhalten, das würde alle Mühen in Frage stellen, die ich bisher durchgestanden habe. Irgendwann wird auch Zeit für Pausen ein, dann werde ich tagelang, ja wochenlang nichts tun, keine Termine, nur gute Bücher und faulenzen. Irgendwann, aber nicht jetzt. Nicht heute.
Mit einem Blip meldet sich der Maileingang. Ich bin sofort hellwach. Das Netz ist wieder da. Ich öffne den wichtigen File, meine Finger fliegen über die Tasten, ich sehe etwas verschwommen, es flimmert ein wenig vor meinen Augen, wahrscheinlich das Licht im Abteil. Die Vergrößerung der Bildschirmauflösung bringt etwas Abhilfe. Ich habe noch neunzig Minuten, das wird knapp. Das Telefon klingelt, mein Chef, fragt nach, ob er die Vorlagen noch termingerecht bekommt, er habe nur eine Stunde zwischen neun und zehn dann müsse er zum Flieger. Natürlich sage ich ihm zu. Ich sage immer zu.
Acht Uhr abends, Basel Schweizer Bahnhof. Aus technischen Gründen fährt der ICE nicht durch bis Zürich, ich muss auf den Schweitzer Intercity umsteigen. Die Bahnsteige sind voll, die Züge auch. Natürlich habe ich keine Reservierung für den Ersatzzug und auch keinen Sitzplatz. Da kann ich im Zug nicht arbeiten. Die Zeit rinnt.
Ich bleibe im Bahnhof, setze mich auf eine Wartebank am Gleis 11, den PC auf meinen Knien und arbeite so, lasse den Zug fahren, nehme halt den nächsten. Die Buchenstaben auf meinen Knien werden kleiner, sind weit weg. Hunger, starken Hunger, Durst und Müdigkeit, mein Nacken immer steifer, die gebeugte Haltung schmerzt mein Kreuz. Ich krame in der Tasche und finde noch eine Tilidin.
Kurs nach neun sende ich den File an alle, die ihn haben müssen, nicht ganz hundertprozentig, aber besser als nichts. Jetzt brauche ich was zu essen und zu trinken. Der COOP hat noch auf, ich ergattere die letzten beiden käsebelegten Brezeln und eine Flasche Cola, schlinge alles herunter.
Der 9.18 Uhr Zug nach Zürich ist jetzt weg, der nächste 10:18. Dann habe ich ja noch etwas Zeit und kann meine anderen Mails lesen, die heute aufgelaufen sind, jetzt sitze ich aber auf einem Kaffee Stuhl vor mir ein kleines rundes Tischen oben in der Halle, noch einen frischen Kaffee in der Hand, im Moment kein Zittern mehr, schon fast etwas euphorisch, dafür ganz undeutliche Buchstaben. Ich stelle alles neben der Bank ab, was ich in den Händen habe, suche nach dem Brillenetui. Mit Anhauchen und dem Läppchen bearbeite ich die Brille, klarer sehen wollen meine Augen danach nicht.
Egal! Blick auf die Bahnhofsuhr, ich habe noch 30 Minuten. Jetzt ist der Kaffee nur noch lauwarm und der Laptop meldet 5% Batterie und fordert mich zum Aufladen auf. Hier ist kein Stecker. Die beiden letzten Mails vom Lieferanten werden wohl noch gehen. Jede hat 6 Anhänge mit neuen Korrekturen. Die speichere ich erstmal. Mitten im 4. Anhang schaltet sich der PC aus, einfach so. Keine Energie mehr.
Ärgerlich packe ich alles in meinen Koffer, immer ist es die Technik, die einen an einer effektiven Arbeit hindert. Zeit für den Zug nach Zürich.
Fast leeres Abteil, es ist schon spät: „Nutz doch die Chance und mach für 45 Minuten die Augen zu“; lässt sich wieder eine innere Stimme vernehmen.
Ich antworte nicht und ziehe den Ordner mit dem Anhang B1 aus der Tasche und beginne zu lesen. Warum müssen nur die Buchstaben immer so klein sein?
Alfred im Mai 2019 über einen Sonntag im März 2009
So langsam finde ich die Zeit, mich mit den vielen Aufzeichnungen, Tagebucheinträgen und Ideen zu Geschichten zu befassen, die sich so im Laufe der Jahre angesammelt haben.
Der Text dieser Titelgeschichte ist nur wenig modifiziert und entspricht im Wesentlichen einem Eintrag in meinem Tagebuch vom März 2009. Der Text ist ein Protokoll, eine Momentaufnahme meines Lebens. Wenn ich heute diesen Text lese, dann habe ich das Gefühl: „er kann doch so nicht weitermachen, nicht lange, dann wird er zerbrechen“. Doch ist es eine Momentaufnahme einer Belastung, die sich noch monatelang bis zum Ende 2009 hinziehen sollte und ein „Zusammenbrechen“ passierte erst im April 2010, ein Jahr später!
In der Geschichte schaltet der PC einfach ab, als die Batterie leer ist, er hat nicht die Fähigkeit, im Notfall Teile des Gehäuses in Strom zu verwandeln, oder die Batterie selbst zu verkleinern, um aus der Masse noch ein Minuten Laufzeit herauszukitzeln. Er kann auch keine Energie aus der Auflösung seiner Software ziehen. Er schaltet einfach ab.
Der Mensch kann mehr, als ein PC, wunderbar und leider. Wenn unsere Energie verbraucht ist, schalten wir erstmal nicht ab. Wir können auf unsere Reserven zurückgreifen, die in Körper und Geist angelegt sind, für den existentiellen Notfall wohlgemerkt. Zudem ist die Grenze, die den Zugriff auf unsere Reserven markiert kaum sichtbar, schon lange nicht mehr befestigt oder bewacht, zu oft gehen wir hinüber und nicht selten bewegen wir uns täglich am Ende unserer Reserven, am Rande des energetischen Abgrunds. Wenn wir den überschreiten, dann kommt die „Zwangsabschaltung“, die nicht mehr unter unserer Kontrolle ist.
Es gilt, wieder die Grenze unserer normalen Möglichkeiten zu erkennen und ernst zu nehmen. Es gilt an dieser Grenze inne zu halten und die Reserve nur für den Notfall zu nutzen.
Der nächste Achtsamkeitsabend findet am Freitag, dem 7.2. statt, seid herzlich eingeladen.

7.2.2020 Achtsamkeitsabend

Seminar im Odenwald:
Zusammen mit Elke Harder werde ich wieder ein dreitägiges Seminar im Odenwald durchführen. Diesmal zu einer etwas wärmeren Jahreszeit. Es steht unter dem Motto: „Aussteigen, um wieder einzusteigen“.

31.8.-2.9.2020 Odenwald Seminar

Noch einige Informationen:
In wenigen Wochen werden wir zwei weitere Räume zur Verfügung haben, einen kleineren für Einzel- und Paartherapie und Gruppen bis zu 5 Personen, und einen größeren, der bis zu 30 Personen fassen kann. Der größere Raum kann bedarfsgerecht mit Matten und Sitzkissen oder mit Stühlen und Tischen ausgestattet werden.
Diese Räume können für Aktionen und Veranstaltungen angemietet werden. Wer Interesse an einer Nutzung hat mag sich gerne bei mir melden.
Danke für das Lesen. Bis bald!
Drehpunkt-Leben Institut
Alfred Spill und Team
Danke für das Lesen. Bis bald!
Drehpunkt-Leben Institut
Alfred Spill und Team