Newsletter 28.2.2020


Drehpunkt Leben
Liebe Freunde,
Sucht nach Videospielen wird offizielle Krankheit
Genf. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) nimmt die Sucht nach Videospielen „Gaming Disorder (Spielstörung)“ in ihren Katalog von psychischen Krankheiten (ICD-11) auf. Der neue Katalog wird formal ab dem 1.1.2022 weltweit gültig. Darauf stützen sich etwa nationale Gesundheitsbehörden und Versicherungen.
Definiert wird Spielstörung als ein „Muster anhaltenden oder wiederkehrenden Spielverhaltens“, das online oder offline erfolgen kann. Gekennzeichnet ist die Spielstörung erstens durch eine „beeinträchtigte Kontrolle über Beginn, Häufigkeit, Intensität, Dauer, Beendigung und Kontext des Spielens“, zweitens durch eine zunehmende Priorität für das Spielen in einem Maße, dass das Spielen „Vorrang vor anderen Lebensinteressen und täglichen Aktivitäten“ gewinnt und drittens durch die Fortsetzung oder Eskalation des Spielens trotz des Auftretens von negativen Folgen.
(Quelle: RND)
Liebe Leser,
diese Tatsache ist überraschend und erschreckend zugleich, überraschend, weil Video-Spielsucht einen formalen Diagnose-Kode bekommt, wohingegen z.B. Burnout nicht in diesem Katalog aufgenommen ist, und erschreckend, weil es sich damit bei Video-Spielsucht offenbar um eine weltweit wesentliche Krankheit handelt.
Ich stelle dieses Thema heute in meinem Newsletter vor, weil ich in Gesprächen mit Teilnehmerinnen und Teilnehmern meiner Gruppen aber auch in den individuellen Beratungen immer wieder auf dieses Thema stoße und es ein ganz wesentlicher Stressor in Familie, Schule und Berufsausbildung ist. Nicht zuletzt habe ich Enkel, die mich die Problematik des „nur das Handy vor Augen haben“ manchmal hautnah erleben lässt. Dabei ist diese Sucht natürlich nicht auf die Kinder beschränkt, manch ein Erwachsener ist sicherlich auch betroffen, doch den Erwachsenen Menschen stehen weiterreichende Möglichkeiten der Selbstverantwortung und Selbstreflektion zur Verfügung als Kindern und Jugendlichen.
Irgendwie erinnert mich das an die Zeit mit unseren Kindern, damals ging es um Gameboy, Tetris und Fernsehzeit und irgendwie sind wir durch diese Periode hindurchgekommen. Sucht ist jedenfalls in der öffentlichen Diskussion nie ein Thema gewesen. Jetzt ist sie ein Thema, Studien weisen klar darauf hin. Ich zitiere noch einmal einen Bericht des Redaktionsnetzwerk Deutschland:
Computerspiele: Experten warnen vor Suchtgefahr für Kinder
Eine Studie bescheinigt fast einer halben Million deutschen Kindern und Jugendlichen einen
auffälligen Umgang mit Computerspielen.
Berlin. Im Umgang mit Computerspielen legen nach Hochrechnungen rund 465 000 Kinder und Jugendliche in Deutschland ein auffälliges Verhalten bis hin zur Sucht an den Tag. Das geht aus der Studie „Geld für Games“ des Deutschen Zentrums für Suchtfragen (Hamburg) und der Krankenkasse DAK-Gesundheit hervor, die am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde. Für die Studie wurden tausend 12- bis 17-Jährige zu ihrem Spielverhalten befragt. Die Suchtexperten sehen bei rund 12 Prozent der Teilnehmer Anzeichen riskanten und bei rund 3 Prozent Anzeichen krankhaften Spielverhaltens.
Suchtfolgen: Emotionale Probleme und Fehlzeiten in der Schule
Dazu wurden Kriterien abgefragt, die ein US-Diagnosehandbuch als maßgeblich für das Krankheitsbild Computerspielsucht aufführt. Dazu zählen Interessensverlust an früheren Hobbys, ständiges Denken ans Spielen, Entzugserscheinungen, Lügen über das Ausmaß des Spielverhaltens, Kontrollverlust bezüglich der Spieldauer und Gefährdung des eigenen Werdegangs. In der Gruppe der 465 000 Kinder und Jugendlichen sehen die Forscher mehr Ausgaben für Computerspiele, häufigeres Fehlen in der Schule und mehr emotionale Probleme als bei unauffälligen Spielern. „Wenn mehr als 450 000 Jugendliche in Deutschland Gefahr laufen, die Kontrolle über das eigene Computerspielen zu verlieren, dann läuft etwas richtig schief“, erklärte Marlene Mortler (CSU), Beauftragte der Bundesregierung für Drogenfragen.
Was mache ich als Mutter, als Vater damit, wenn ein Achtjähriger sich ständig beklagt, er sei der einzige in der Klasse, der noch kein Handy habe?
Wie gehe ich damit um, wenn ich das Handy meine Tochter für eine Woche einschließe und sie dann bei ihren Freundinnen weiterspielt oder gar aggressiv wird?
Kann ich als Erziehende(r) überhaupt noch bewirken, dass Hausaufgaben, gemeinsame Familienunternehmungen (z.B. Mahlzeiten) oder körperliche Betätigungen ihren angemessenen Platz bekommen?
Wie kann man aus der Welt des Konsumierens von Fremderleben wieder eine Brücke schlagen in die Welt des Selbsterlebens?
Ich habe keine Antworten, keine Lösungen parat. Ich bin aber der Überzeugung, dass eine Gruppe von Menschen, die gleiche Erfahrungen teilt, manchmal gangbare Wege findet, stresserzeugende Situationen besser zu verstehen, zu stabilisieren und manchmal auch zum Heilsamen zu verändern.
Daher trage ich mich mit dem Gedanken, zu einer moderierten Selbsterfahrungsgruppe einzuladen – wenn sich genügend Interessenten finden – zum Erfahrungs- und Informationsaustausch und zum gemeinsamen Lernen. Die Gruppenbezeichnung könnte sein:
„Ich, mein Kind und sein Handy“.
Für Rückmeldungen zu diesem Thema wäre ich sehr dankbar.
Der nächste Achtsamkeitsabend findet am Donnerstag, dem 5.3.2020 statt:
20AA63-Achtsamkeitsabend-Geduld und Gelassenheit
Seminar im Odenwald:
Zusammen mit Elke Harder werde ich wieder ein dreitägiges Seminar im Odenwald durchführen. Diesmal zu einer etwas wärmeren Jahreszeit. Es steht unter dem Motto: „Aussteigen, um wieder einzusteigen“.

31.8.-2.9.2020 Odenwald Seminar

Danke für das Lesen. Bis bald!
Drehpunkt-Leben Institut
Alfred Spill und Team