Newsletter 18.2.2021


Drehpunkt Leben
2019-01-01 Die inneren Kinder-nur
Der Panther
Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.
Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.
Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.
R.M. Rilke
Aushalten oder Ausbrechen
Liebe Leserinnen und Leser,
Gestalttherapie arbeitet oft mit Polaritäten und den Optionen, die sich auf der Verbindung zu Ihnen ergeben.
Bei Beziehungsproblemen, sei es zwischen Partnern, oder auch zwischen Eltern und Kindern, geht es oft, wenn nicht immer, um die Polarität: „Distanz und Nähe“. Ist einer zu oft in „Distanz“, ist es sehr schwierig, Verbindendes zu entwickeln und zu festigen und ist einer immer in der „Nähe“ ist ein Erstickungstod der Beziehung möglich. Es gibt hier kein „richtig“ oder „falsch“. Manchmal ist die Distanz notwendig, manchmal die Nähe, manchmal mehr von dem einen als von dem andern. Es wird immer dann unangenehm, wenn man an einem Pol erstarrt und sich nicht mehr auf der ganzen Achse der Polarität bewegen kann. Ich benenne diese Polarität als ein Beispiel, was einfach zugänglich ist.
Es geht mir aber heute um die Polarität: „Aushalten und Ausbrechen“. Diese Polarität ist etwas schwieriger zu fassen. Schwieriger deshalb, weil uns das eigene „Aushalten“ als eigene Aktion oft als Wahrnehmung entgeht. Das „Aushalten“ ist weniger etwas, was ich selbst bewerkstellige, sondern eine aufgezwungene Reaktion, in der es gar nicht anders geht, als auszuhalten. Der Panther ist in einer solchen Situation, der Käfig, die Stäbe, die enge eigene Welt zwingen ihn in kleine Kreise. Was außerhalb der Stäbe liegt, ist für ihn unerreichbar und die Erkenntnis macht ihn zum lebenden Toten: „…und hört im Herzen auf zu sein“. Es gibt unbestritten genügend Situationen in unserem Leben, die dem gleichen: ein undurchdringlicher Käfig, Gitterstäbe beschränken uns auf eine kleine leidvolle Welt und wir kultivieren, oft zwangsläufig die Verzagtheit und die Resignation. Ja, es gibt diese Momente, wo keine Alternative bleibt, als aushalten und weitermachen.
Doch habe ich in diesem gefühlten, so aussichtslosen Momenten, die richtige Wahrnehmung von dem Käfig? Habe ich die Widerstandskraft der Stäbe genügend geprüft? Sind wirklich keine Öffnungen im Gehege? Man hat zoologische Versuche mit Tieren gemacht, die sehr lange eine „Panthererfahrung“ gemacht haben. Man hat die Käfigtüren geöffnet und die Tiere haben die Chance auf Veränderung nicht genutzt. Elefanten werden als junge Kälber mit Pflock und Kette angebunden, sie können als Kleintiere diese Fesselung nicht überwinden. Die Gewohnheit aber über Jahrzehnte macht es möglich, sie als erwachsenen Elefantenbullen an dem gleichen Pflock angebunden zu halten. Sie glauben, sie sind aussichtslos angebunden, aber Ihre Wahrnehmung ist falsch. „Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe so müd geworden, dass er nichts mehr hält…“
Wir haben alle unsere eigenen Käfige, der Beruf, der vielleicht seit langem zur Last fällt, weil er mürbe macht, das eigene Leben einschränkt und keinen Raum mehr lässt für „die Welt da draußen“. Die alten Eltern, die umsorgt werden wollen, die Zeit, Energie und Sorge verschlingen und im Falle von häuslicher Pflege und möglicher Demenzerkrankung ganz gewaltige „Gitterstäbe“ darstellen. Da gibt es Beziehungen, Ehen, die sich als Käfige erweisen. Es gibt aber auch Vorstellungen, Sehnsüchte Lebenswünsche, die uns nicht minder gefangen halten.
Und dann ist da jetzt auch noch Corona, mit all den Beschränkungen, eine Pandemie, die uns vielleicht auch noch die Fenster unserer Käfige schließt, unseren sowieso schon engen Raum weiter beschneidet. Engeren Käfig, festere Stäbe und immer mehr Aushalten, immer mehr Durchhalten, immer mehr Resignation.
Doch müssen wir wirklich im „Aushalten“ verharren? Haben wir uns über die Lage, in der wir uns fühlen, Klarheit verschafft? Denn meistens ist noch Energie in uns: „Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte, der sich im allerkleinsten Kreise dreht, ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.“ Oft ist diese Energie richtungslos. Aktion entsteht erst dann, wenn sich Energie mit einer Absicht verbindet und eine Richtung bekommt.
Aktion kann heißen: „weg aus dem Aushalten – hin in Richtung Ausbrechen“. Das ist nicht einfach und manchmal auch einem Panther, mit all seiner Energie, nicht möglich. Doch noch öfter ist es möglich, doch wir sind gefangen in unserer täglichen Gewohnheit. Aushalten erscheint uns einfacher und ungefährlicher, als eine Veränderung der Situation zu versuchen. Ein radikaler Ausbruch: den Job hinwerfen, ohne einen andern zu haben; die Beziehung zu beenden und ins Alleinsein zu gehen; Kinder und Eltern zu verlassen; Überzeugungen und Werte über Bord zu werfen, all das kommt selten vor und erfordert viel Mut in der Nähe von Leichtsinn.
Und noch weiter: Was, wenn ich eigentlich nichts aushalte? Wenn ich immer sofort ausbreche, wenn es unangenehm wird? Was, wenn ich auf der anderen Seite der Polarität verharre? Dann bin ich im Zustand des ewigen Weglaufens; wie soll ich so in einem Beruf Fuß fassen? Jede Beruf hat Momente, wo es „auszuhalten gilt“. Wie soll ich so eine nahe Beziehung pflegen? Vielleicht nehmen daher die Kurzzeitbeziehungen überhand. Nun, an dieser Polarität zu erstarren ist auch ein Problem.
In der therapeutischen Arbeit gilt es Hilfestellung zu leisten. Hilfestellung bei der Wahrnehmung, ob ich an einem der Pole festgefroren bin, ob ich wirklich nicht anders kann, als immer auszuhalten oder als immer wieder auszubrechen? Kann ich Kompetenz gewinnen, die gesamte Spanne der Polarität zu nutzen, je nach Situation und so, dass es für mich heilsam ist?
Zur Unterstützung der Wahrnehmung nutzen wir die Meditation, um zu lernen, wo wir stehen und um zu lernen, welche Optionen wir haben, immer wieder neu.
die nächsten Veranstaltungen:
Der Achtsamkeitsabend wird in einer geänderten Form stattfinden, es wird nur Meditation mit Anleitung geben und er wird nur eine Stunde dauern.
Beschränkung auf maximal 4 Teilnehmer.
Do. 25.2. 20AA78 Achtsamkeitsabend in geänderter Form
ab dem 27.1.2021 beginnt der zweite Vipassana Kurs, man kann in diesen Kurs jederzeit einsteigen. Vorraussetzung ist gute Erfahrung im meditativen Sitzen.
Mi. 27.1.-21.4. Vipassana Meditation für Geübte – 5 Abende – ASP)
Bitte das Gebäude mit Mund/Nasenschutz betreten, bis sie Ihren Platz erreicht haben, dort darf der Mundschutz abgenommen werden.
Bitte beachten Sie immer die Abstandsregel von 1.5m, besonders auf dem Weg zum Platz
Zusammen müssen wir neue Erfahrungen sammeln, wie wir in Zeiten der Pandemie solche Veranstaltungen durchführen. Gehen wir es an!
Danke für das Lesen. Bis bald!
Drehpunkt-Leben Institut
Alfred Spill und Team