Newsletter 19.11.2020


Drehpunkt Leben
Liebe Leserinnen und Leser,
seit einiger Zeit beschäftige ich mich intensiver mit dem Thema „Homeoffice – und was es mit uns machen kann“. Plötzlich in einer anderen Arbeitsumgebung angebunden zu sein, ohne den gewohnten Kontakt zu den Kolleginnen und Kollegen, geht nicht immer ohne Komplikationen. Zudem ist ein Ende nicht abzusehen und bei manchen der anfängliche Spaß längst einer Ernüchterung gewichen.
Ich möchte Euch in diesem Newsletter einen längeren Auszug aus einem Vortrag vorstellen, den ich letzte Woche halten durfte. Er ist kondensiert auf die neutralisierte Beschreibung der Arbeit mit einem Klienten oder Klientin, die/der nicht so heißt, wie ich sie/ihn nenne und auch die Umstände sind verändert, um Wiedererkennung zu vermeiden. Die Kernaussage der Arbeit ist unverändert.
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Homeoffice – und was es mit uns machen kann

Auszug eines Vortrags beim Lions Club über Video am 12.11.2020
Ein Klient, 55 Jahre alt, ich nenne ihn einmal Werner, obwohl er so nicht heißt, kommt zu mir in die Praxis und berichtet über eine wachsende Rastlosigkeit in seinem Alltag.
Lassen Sie mich zitieren:
„Ich kann mich kaum noch am PC konzentrieren, wenn ich im Homeoffice sitze. Sobald eine Videokonferenz begonnen hat kann ich nicht mehr stillsitzen, möchte dem Gelaber entfliehen, das Atmen fällt mir schwer und ich möchte nur noch raus an die Luft. Das mache ich dann auch, sobald das Geschwätz zu Ende ist. Jetzt im Spätsommer ist es toll draußen, ich wohne am Waldrand und bin sofort in der Natur. Und dann bin ich draußen und kann es nicht genießen. Schon nach wenigen Minuten packt mich eine quälende Unruhe: ich kann doch nicht mitten in der Arbeitszeit spazieren gehen, ich habe doch keinen Urlaub und so renne ich fast zurück in mein Homeoffice, renne nach etwas, was ich eigentlich nicht will. (Werner macht eine Pause, seufzt und schaut zur Decke, ich sage nichts und warte, dann spricht er weiter) Seit 14 Tagen kann ich mein Homeoffice einfach nicht mehr betreten, ich kann nicht mehr durch diese Türe gehen, ich glaube, ich werde verrückt, etwas in mir will nicht mehr. Mein Hausarzt hat mich krankgeschrieben und mir empfohlen, therapeutische Hilfe zu suchen.“
Auch mit Werner mache ich, wie mit jedem Klienten, die „5 Minuten Stille-Übung“ und anfangs erlebt auch er diese Minuten als Tortur, kann einfach nicht solange stillsitzen und er berichtet, dass seine Gedanken förmlich explodieren. Aber er hat auch eine Erkenntnis aus dem Erlebten: „das geht wirklich so nicht weiter, es muss sich etwas ändern“.
Werner ist einer aus einer wachsenden Anzahl von Klientinnen und Klienten, deren Leben sich gerade in diesen Monaten, die geprägt sind durch intensive Homeoffice Zeiten, in eine schmerzhafte Richtung verändert, so schmerzhaft, dass sie es kaum noch aushalten und Hilfe suchen.
Wenn wir nicht genügend auf uns aufpassen, nicht achtsam genug sind, nicht wahrnehmen, was in uns vorgeht und alle Unpässlichkeiten mit einem vermeintlich eisernen Willen, vielleicht gestützt durch Mind-Doping oder wie man heute auch sagt: „Neuro-Enhancement“, – das klingt nicht so illegal – überspielen, dann reagiert irgendwann der Organismus unüberhörbar und hoffentlich ist es dann noch nicht zu spät für nachhaltige Veränderung.
Bei manchem ist ein sehr deutliches körperliches Symptom notwendig, bei meinem Klienten Werner ein psychisches Symptom. Sein Symptom hat ein Innehalten auslöst, dass eine Veränderung unausweichlich erzwingt, soll das Leben weitergehen. Werners innere Erstarrung durch den Widerstand, das Homeoffice betreten zu können. Er ist, wie ich es war, in leitender Funktion in einem großen Konzern beschäftigt und trägt eine erhebliche Personalverantwortung. Die Vergleichbarkeit unserer Erfahrungen veranlasste Werner, gerade mich als seinen Therapeuten zu wählen.
Ich lasse Ihn an diesem ersten Termin noch weitererzählen, ohne ihn zu führen, achte mehr auf die Art, wie er erzählt, welche Gesten er benutzt und was seine Körperhaltung ausdrückt. Seine Gestik erscheint mir energielos, er sitzt eingesunken, er spricht leise, seine Augen sind aber noch wach. Ich lasse ihn erzählen und ich höre aktiv zu, gebe ihm immer wieder nonverbal zu erkennen, dass ich bei ihm bin, höre zu, bis er einhält und mich fragend ansieht.
Das ist der Punkt der Auftragsklärung zwischen Therapeuten und Klient:
„Wobei kann ich Ihnen helfen? Wie kann ich Sie unterstützen?“ frage ich ihn
„Ich will mein altes Leben zurück“, antwortet er.
Ich schüttele den Kopf: „Das geht nicht, das geht nie!“
„Ich will wieder Leichtigkeit und Freude im Leben und eine erfolgreiche Arbeit machen, ich brauche wieder eine Sinnhaftigkeit in Allem.“
Und er wird prägnanter:
„Ich will wieder raus aus meiner Videokonferenzzelle, zurück in mein Firmenbüro, meine Kollegen und Mitarbeiter mal wiedersehen, die Außenstellen besuchen und mal wieder mit Kunden essen gehen“.
(Waow, denke ich. Was für ein Wort: Videokonferenzzelle, so habe ich noch niemanden sein Homeoffice nennen hören)
Ich nicke bestätigend, ja das ist OK, daran können wir arbeiten, das gibt uns eine Basis und eine direkte Verbindung von seinen inneren Themen zu der äußeren Situation „Homeoffice als gefühlte Videokonferenzzelle“.
„Ich kann gut verstehen, dass Sie nicht ohne Widerstand in eine „Zelle“ gehen wollen“, melde ich ihm zurück. „Macht doch Sinn! Oder nicht?“.
Er ist überrascht, so hat er das noch gar nicht gesehen. Ist noch nie auf die Idee gekommen, dass sein Widerstand Sinn machen könnte.
Das dialektische Gegenteil zum Widerstand ist der Beistand. Widerstand hat die Absicht, etwas zu schützen, z.B. einer Person beizustehen. Widerstand hat einen Grund, wenn der auch manchmal nicht ganz sinnhaft ist.
Homeoffice, der Widerstand, die Büroschwelle zu überschreiten (gefühlt die Zelle zu betreten), das scheint jetzt bei ihm im Vordergrund zu stehen, doch es ist sicher nicht alles, es wird tiefer liegende Schichten geben. Die Antwort auf die Sinnhaftigkeit in Allem geht mit Sicherheit tiefer als die Ambivalenz zwischen Homeoffice und Firmenoffice. Die Sinnfrage ragt immer ins Leben hinein und wenn Sie längere Zeit unbeantwortet bleibt, werden wir krank!
(ich zitiere hier gern diese These des Psychoneuroimmunologen Prof. Joachim Bauer aus seinem Buch; Arbeit: Warum unser Glück von ihr abhängt und wie sie uns krank macht)
Ich habe eine Hypothese, dass die Suche nach der Sinnhaftigkeit schon vor Corona, vor dem Homeoffice, ein inneres Thema meines Klienten Werner war. Es war sich dessen vielleicht nur nicht gewahr und die Isolation im Homeoffice wirkt jetzt wie ein Brandbeschleuniger, als Stressverstärker. Zudem ist er 55 Jahre alt und genau in dem Alter, in dem man sich immer intensiver die Frage stellte: „Was will ich noch im Leben? Wohin soll die Reise gehen? Mit welchen Werten und vielleicht auch mit welchen Gefährtinnen und Gefährten?“ Diese Fragen kommen immer mit krassen, angstbesetzten und plötzlichen Veränderungen. Und das macht diese Pandemie und in Folge das plötzliche Wiedererwachen in einer völlig anderen Arbeitsumgebung.
Natürlich könnte Werner körperlich die Tür zum Homeoffice öffnen und hineingehen, er ist ja nicht motorisch gelähmt. Er kann ja auch in meine Praxis kommen, kann Auto fahren. Und doch gibt es einen inneren Widerstand, der ihn erstarren lässt. Wer das noch nie erlebt hat, auch nicht in ähnlicher Form, wie „ich bringe kein Wort aus mir heraus (Prüfungsangst); ich konnte ihr nicht begegnen (Auseinandersetzung bei Trennung); an diesen Ort kann ich nie wieder hin (schwerer Verlust durch Unfall); für den ist es schwer zu verstehen, was hier passiert.
Wenn immer mal wieder meinen Klienten Werner zu Wort kommen lassen, sind das Ausschnitte aus einer ganzen Serie von Sitzungen und nicht zwangsläufig in chronologischer Reihengfolge.
Wir Gestalttherapeuten arbeiten immer mit dem, was ein Klient prägnant in die Sitzung bringt, mit dem, was ihn im Augenblick am meisten beschäftigt. Das ist wie die äußerste Schale einer Zwiebel, mit der wir uns beschäftigen. Wenn die sozusagen abgepellt ist, dann kommt die nächste Schale an die Reihe, bis wir vielleicht bis ins Zentrum der Probleme vordringen.
Werners äußerste Schale ist ganz akut und praktisch. „Ich habe einen Widerstand, in mein Homeoffice zu gehen. Warum ist das so? Ich will wieder arbeiten!“. Schon in der ersten Sitzung habe ich in seinen Augen gesehen, dass er noch Energie hat und auch während er sagt „Ich will wieder arbeiten!“ wird diese Energie in seinen geballten Fäusten und in einer kurzen starken Vorwärtsbewegung und Aufrichtung seines Oberkörpers sichtbar. Es gilt diese Energie zu kultivieren und für die Erforschung der Umstände zu nutzen.
„Wenn sie jetzt diesen Widerstand spüren, wie war das denn vor einem Jahr? Haben Sie da kein Homeoffice gemacht?“.
Werner denkt kurz nach:
„Vor einem Jahr habe ich hin und wieder den Freitag im Homeoffice verbracht und ich habe mich die ganze Woche darauf gefreut. In Ruhe frühstücken, keine Stunde Autobahn bis zur Firma, keinen Stau, keine Unruhe, ob ich pünktlich zum 8:00 Termin bin. Und während des Tages kommt niemand in mein Büro geschneit und stört mich. Und ich werde nicht mal eben nach „oben“ in die Chefetage zitiert. Herrlich! An diesen Freitagen habe ich mehr geschafft als an jedem anderen Tag in der Firma. Wenn ich ehrlich bin, hatte ich oft morgens, besonders montags, das Gefühl, eigentlich will ich gar nicht in die Firma fahren, ich würde am liebsten hier im Homeoffice bleiben.“
„Das hört sich ganz anders an, als das, was jetzt ist“, melde ich zurück.
„Ja, genau, es hat sich völlig gedreht, es ist genau das Gegenteil“, sagt Werner.
Ich möchte, dass er diesen Standpunkt verstärkt wahrnimmt und lade ihn zu einem gestalttherapeutischen Experiment ein. Es geht darum seine innere Bühne nach außen zu bringen, sie damit sichtbar und verständlicher zu machen.
„Stelle Sie sich vor, der Stuhl auf dem Sie gerade sitzen ist das Homeoffice-2019. Schließen Sie bitte die Augen und versuchen Sie, diese Situation abzurufen. Wie fühlt sich das an?“
Werner nimmt sich eine Minute Zeit und antwortet dann: „Es fühlt sich gut an, hier kann ich gut sitzen“.
Ich stelle einen zweiten Stuhl in den Raum und deute auf diesen:
„Das ist das Homeoffice-2020. Ich möchte, können Sie sich mal auf diesen Stuhl setzen.“
Werner steht auf und geht auf den Stuhl zu, erst zügig, dann langsamer, dann bleibt er etwa 1m vor dem Stuhl stehen. Es folgen 2 Minuten Schweigen. Ich warte ab.
Werner: „es geht nicht“
Ich: „was geht nicht?“
Werner: „ich kann nicht in mein Homeoffice“
Ich: „was fühlst du?“
Werner: „ich habe Angst“ (ich sehe wie er schwerer atmet, es arbeitet in ihm)
Ich: „Angst, das was passiert?“
Werner: „dass das dann wieder losgeht mit den endlosen Telefonkonferenzen, die ich eigentlich nicht will und das ich dann wieder den ganzen Tag alleine bin“
Ich: (seine Position vor dem Stuhl strengt ihn an, er braucht eine Pause) „gehen doch bitte so weit zurück, bis es ihnen gut geht“.
Werner: (geht zurück bis zum Homeoffice 2019 – Stuhl und setzt sich wieder, dreht sich aber so weg, dass er den Homeoffice-2020-Stuhl nicht mehr sehen kann) „jetzt ist gut!“
Ich: „wenn Sie gleich nach Hause kommen, auf welchem Stuhl sitzen Sie dann? Oder an welcher Position stehen Sie? Gehen Sie mal dorthin.“
Werner: (er steht auf, geht auf das Homeoffice 2020 zu und bleibt an der Stelle stehen, an der er eben stand) „hier stehe ich jetzt und werde ich zu Hause wieder stehen und es ist kaum auszuhalten.“ (er geht zurück zum Homeoffice 2019 Stuhl) „am liebsten würde ich hier sitzen bleiben“.
Wir müssen herausfinden, ob es zuhause bei ihm irgendetwas wie das Homeoffice 2019 gibt oder dem nahekommt, an dem er vor Anker gehen kann. Im weiteren Verlauf meint er einen Platz in Gestalt einer Bank in seinem Garten gefunden zu haben. Das wird für die nächste Zeit seine „Ruhebank“ und sein Anker.
Die vorgestellten Sitzungen mit Werner sind typische Gestalttherapeutische Arbeiten im Geiste des Gründerehepaares Lore und Fritz Perls in der speziellen Ausgestaltung wie sie Jack Kornfield („sein Buch: Das weise Herz“) in der Bereicherung durch Elemente fernöstlicher Spiritualität und westlicher Kontemplation.
Die gestalttherapeutische Arbeit ist sehr nach vorne gewandt. Erkenne, wie es dir geht und erforsche, experimentiere, was du verändern kannst, damit es dir besser geht. Dabei ist es früher oder später unausweichlich, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen.
Ich zitiere mal Lore Perls: „Veränderungen finden immer im Augenblick statt und auch nur in dem Maße, wie Ressourcen zur Verfügung stehen.“ Also keine Ressourcen, keine Energie, keine Veränderung. Damit gibt sich eine wesentliche Reihenfolge, die sowohl für klassische Mediziner, wie auch Therapeuten Gültigkeit hat.
Zuerst das akute bedrohliche Problem bearbeiten und stabilisieren.
Dann nicht vorhandene Ressourcen wiederherstellen oder schwache Ressourcen stärken.
Den Klienten nie über seine Ressourcen hinaus fordern, so wie sich jeder selbst auch nie über seine Ressourcen hinaus fordern sollte.
Werner im frühen Stadium zu überreden, seinen Widerstand zu negieren und sich auf den Homeoffice-2020 Stuhl zu setzen wäre eine solche Überforderung. Zu einem späteren Zeitpunkt kann er das.
Lassen Sie mich strukturieren:
mit dem, was Werner und andere Klienten von sich im Kontext von pandemiebedingtem Homeoffice preisgeben, manifestieren sich Muster, die ziemlich einprägsam sind. Dabei sei deutlich gesagt, dies sind meine persönlichen Arbeitshilfen und basieren auf meine eigenen Erfahrungen und Spezifikationen, auch wenn sie in der Supervision von anderen Kollegen durchaus bestätigt werden. Ich möchte Ihnen diese Muster vorstellen.
Muster 1:
In der vor-Pandemie-Zeit wird Homeoffice als eine gelegentliche Möglichkeit empfunden, einmal in Ruhe zu arbeiten, fernab vom Trubel der Firmenetagen. Es wird vorrangig der Freitag gewählt, was ein verlängertes Wochenende suggeriert, es aber in der Regel nicht ist. Dabei wird das zuhause als ein Hafen empfunden, der Sicherheit und Ruhe erwarten lässt, jedenfalls ein Ort mit Raum und wenig familiären Konflikten. Gerne würde man mehr Homeoffice machen, wenn einen die Firma nur ließe.
Auf der anderen Seite steht dabei ein Firmenumfeld, dass oft als aggressiv, unruhig, quirlig und gefährlich (Schlangengrube, Krokodils Teich) empfunden wird, die Kollegen und Führungskräfte sind eher Feindbilder, die Untergebenen ein Pool unerwünschter Probleme, die von der eigentlichen Arbeit abhalten.
Diese MitarbeiterInnen wird nun die Gelegenheit des Homeoffice gegeben, sie nehmen sie dankbar wahr und gehen darin auf.
Ihnen diese positive Erfahrung zu nehmen und sie nach Corona wieder in die alte Arbeitsweise zu zwingen wird Unzufriedenheit schaffen.
Muster 2:
Hier finden wir den entgegengesetzten Pol. Schon in der vor-Pandemie-Zeit war jede Heimarbeit ein Gräuel, vielleicht sind die Kinder noch sehr jung und verlangend, ist die Wohnung klein und eng, ist die Familie zu Hause nicht der Hafen sondern das Schlachtfeld.
Die Firma hingegen, das weiträumige Großraumbüro, die aufmunternden Kollegen, der Zusammenhalt im Projekt-Team und Vorgesetzte, die gut motivieren, das ist die Heimat, dort mache ich lieber Überstunden, komme auch schon mal am Wochenende, das ist mein Hafen.
Diese MitarbeiterInnen schickt man in die Homeoffice-Hölle, die sie leicht verbrennt.
Ihnen müsste schon jetzt die Gelegenheit gegeben werden, zumindest zeitweise im Büro arbeiten zu können.
Muster 3:
Leider sind die vorgenannten Muster 1 und 2 als extreme Muster nicht die Regel. Viel öfters sind natürlich die Situation, wo sich die Muster mischen oder auch alternieren.
Die Mischform, die mir jetzt schon in Werner das 4. Mal begegnet, ist es wert als ein eigenes Muster 3 benannt zu werden.
Werner ist geradezu ein Paradebeispiel, nur seine Reaktion ist ziemlich extrem. Er hat zu Hause ein ganz angenehmes Umfeld, Platz, Ruhe, gute Netzverbindung und auch mit seiner Kernfamilie kommt er gut zurecht. Weiter hätte er Vorteile vom Homeoffice, z. B., könnte mehr Lebensqualität gewinnen, weil er viel Fahrzeit und damit Stress einspart. Ich sage „hätte“ und „könnte“, weil er die Chance nicht wirklich nutzt, sondern die freiwerdende Zeit in Arbeitszeit umwandelt und nicht in Freizeit. Es hätte dennoch etwas Gutes für Ihn, wenn er denn das, was er in der Arbeitszeit macht, genießen könnte, weil es für ihn sinngebend wäre. Das ist es nicht, im Gegenteil, es bedrückt ihn. Erinnern Sie sich bitte an das Wort „Videokonferenzzelle“.
Wenn er in seinem Firmenumfeld arbeitet, beschäftigt er sich mit den gleichen Themen und lässt auch kein gutes Haar an dem dortigen Videoraum und spricht auch von „Gebabbel“ und „Gelaber“, doch dort kann er damit umgehen, kann es aushalten. Zu Hause nicht. Was geschieht hier?
In weiteren Sitzungen können wir folgendes herausarbeiten:
  • Werners Job ist zu weiten Teilen für ihn nicht mehr sinngebend, er möchte viel mehr an technischen Themen arbeiten, stattdessen wendet er 60% seiner Zeit für Abstimmung, Konferenzen, Dokumentation, Mailbeantworten auf. Das nervt ihn, doch im Firmenumfeld ist das Ok, weil es allen so geht und er diese Erfahrung mit Kollegen teilen kann. Die gute Kollegialität, das Team mit seinen sozialen Stärkungswirkungen sind tragend, egal, wie mies der Arbeitsinhalt ist. Der Coffee Talk, das Mittagessen in der Kantine, die gemeinsame Zigarette sind Elemente der Stützung und ermöglichen das Aus- und Durchhalten. All das gehört für ihn ins Firmenumfeld.
  • Jetzt kommt radikal, unangekündigt und von heute auf Morgen das konstante Homeoffice. Werner findet sich in einer ganz anderen Arbeitsumfeld wieder. Zuerst ist das nett. Doch bald merkt er, dass sein Job immer noch in weiten Teilen sinnfremd für ihn ist, er wendet noch mehr Zeit für Abstimmungen, Konferenzen, Mail, Chats, usw. auf. Er schätzt 80% und das mit einer breiteren Ausgangsbasis, weil er ja die 2 Stunden Fahrzeit in Arbeitszeit konvertiert hat.
  • Diese Sinnfremde ist viel stärker spürbar, weil sie in einer Umgebung, nämlich zu Hause, erlebt wird, die von einer eigenen Sinnhaftigkeit, nämlich der einer funktionierenden Familie ausgefüllt wird. Was in der Firma als etwas wie „Schwarz in Grau“ erlebt wird, ist zu Hause „Dunkelschwarz in Weiß“. Zudem fällt nun die soziale Stärkungswirkung der Kollegen weg, eine Stützung, die die Familienumgebung nicht leisten kann und Werner auch nicht von ihr einfordern will.
  • Diese Sinnfremde ist in Gestalt des Homeoffice ein Eindringling in den sicheren Hafen der Familie und muss isoliert werden, darf nicht mehr betreten werden. So schützt der Widerstand, das Homeoffice zu betreten, das Funktionieren der familiären Sinngebung.
  • Diesen Widerstand so ohne weiteres zu überwinden würde möglicherweise die Familienbeziehungen gefährden, d.h. die Situation verschlimmern.
Wir arbeiten nun weiter an den Themen: Sinngebung der Arbeit, Abgrenzung von Familienumfeld zu Arbeitsumfeld, Balance zwischen Arbeitszeit und Ruhezeit und weil Werner schon 55 Jahre alt ist, auch an der Frage: „Was will ich noch? Was ist mir wirklich wichtig?“
Ich möchte den Kreis schließen. Bitte erinnern Sie sich, was ich am Anfang über die Auftragsklärung berichtet habe:
„Wobei kann ich Ihnen helfen? Wie kann ich Sie unterstützen?“ fragte ich Werner.
„Ich will mein altes Leben zurück“, antwortete er, aber heute ist klar, dass er das gar nicht will.
„Ich will wieder Leichtigkeit und Freude im Leben und eine erfolgreiche Arbeit machen, ich brauche wieder eine Sinnhaftigkeit in Allem.“
Genau das ist ein zentrales Thema, bei dem ich ihn jetzt begleite. Ohne die erlebte „Videokonferenzzelle“ im Homeoffice wären wir wahrscheinlich nicht zu Arbeiten gekommen.
Übrigens: Werner hat die Tür zu seinem Arbeitszimmer mit einem Logo seiner Firma versehen und ein Schild mit „Videokonferenzzelle“ hinzugefügt. Er kann es wieder betreten, wenn er die Schwelle überschreitet fühlt er sich nicht mehr als zu Hause, sondern in irgendeinem Büro in der Firma.
Ich überlasse es Ihnen zu bewerten, ob Homeoffice 2020 für Werner ein riesiges Problem oder ein Glücksfall ist.
die nächsten Veranstaltungen:
Do. 26.11. 20AA74 Achtsamkeitsabend Thema: Stille und Körper (Raum Kabat-Zinn – ASP)
Do. 17.12. 20AA75 Achtsamkeitsabend Thema: Stille-Schweigen (Raum Kabat-Zinn – ASP)
Neu im Programm
Es ist an der Zeit eine Gruppe für geübte Meditierer anzubieten. Geübt soll heißen, man kann bis 25 Minuten gut sitzen und ohne Anleitung in der Stille sein. Der Hauptmerk liegt in der gemeinsamen Stille, ein Gespräch mit den Kursleiter ist nach der Veranstaltung immer möglich.
07.12.2020-11.01.2021 Vipassana Meditation für Geübte – 5 Abende – ASP)
Die nächsten größeren Seminare und Kurse
ab dem 10.1.2021 Geschlossene therapeutische Gruppe 12 Termine – ASp)
Diese Gruppe ist ausgebucht
24.01. – 26.1.2021 Ruhe suchen – Ruhe finden (Seminarhotel Odenwald – ASp)
Dieses Seminar wird natürlich nur durchgeführt, wenn die dann geltenden Pandemie-Regeln dies erlauben.
01.03. – 26.4.2021 MBSR 8 Wochen Kurs (21ASP-MBSR-14 im Raum Kabat-Zinn – ASp)
Diese Gruppe wird auf 6 TeilnehmerInnen beschränkt, es gibt noch 2 Plätze
Bitte das Gebäude mit Mund/Nasenschutz betreten, bis sie Ihren Platz erreicht haben, dort darf der Mundschutz abgenommen werden.
Bitte beachten Sie immer die Abstandsregel von 1.5m, besonders auf dem Weg zum Platz
Zusammen müssen wir neue Erfahrungen sammeln, wie wir in Zeiten der Pandemie solche Veranstaltungen durchführen. Gehen wir es an!
Danke für das Lesen. Bis bald!
Drehpunkt-Leben Institut
Alfred Spill und Team
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