Newsletter 14.12.2020


Drehpunkt Leben
Liebe Leserinnen und Leser,
In der letzten Zeit habe ich wieder einmal in alten Dokumenten aus der Nachlass-Kiste meines Vaters (*1927 +1997) gestöbert. Dabei eröffnet sich regelmäßig eine andere Zeit, ein anderer Geist und andere Blickwinkel. Auch auf das jeweilige Weltgeschehen. Seine Sammlung von Dokumenten komprimiert den Zeitgeist auf das persönliche, nahe Erleben in der eigenen Familie.
In der Kiste lag eine Mappe mit Gedichten von Frida Heinbach. Frida war die unverheiratete jüngere Schwester meiner Oma Anna Spill (*1890, +1962), geborene Heinbach. Sie war auch die jünger Schwester von Ewald Heinbach, von dem später noch die Rede sein wird. Frida hat viele Gedichte hinterlassen und trug diese zu allen möglichen Gelegenheiten, wie Weihnachten, Hochzeiten, Konfirmationen und Beerdigungen vor. Sie war zwar einige Jahre jünger als Anna, dennoch aber alt genug, in ihrem Leben zwei Weltkriege zu erfahren.
Das Gedicht, welches ich Euch gleich zum Lesen geben werde, bekam ich gerade in die Hand, als ich am Morgen in der Zeitung folgende Meldung fand, eine von vielen, die den Geist von Weihnachten 2020 gut beschreiben:
Im Corona-Jahr 2020 gelten besondere Regeln für Weihnachten und Silvester. Daher gilt vom 23. Dezember 2020 bis zum 1. Januar 2021: Es dürfen sich maximal zehn Menschen treffen. Dabei spielt es keine Rolle, aus wie vielen Haushalten sie kommen. Kinder und Jugendliche unter 14 Jahren werden nicht mitgezählt, so dass an Weihnachten und Silvester sogar mehr als zehn Menschen zusammen feiern können. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder appellierte trotzdem an die Menschen, sich nur im kleinen Kreis zu treffen und auch auf unnötige Reisen zu verzichten.
Corona beherrscht fast alles in diesen Tagen und stört gewaltig unsere Kreise, so gewaltig, das es Todesfälle in Familien zu beklagen gibt. Ein solches Ereignis als Weltgeschehen mit ganz persönlichen Auswirkungen ist nicht das erste seiner Art und wird wohl nicht das letzte sein.
Das wurde mir klar, als ich das Gedicht von Frida in die Hand bekam. Es stammt von einem Weihnachten der Nachkriegsjahre (genauer kann ich es nicht datieren) und erscheint aus heutiger Sicht etwas schmalzig, doch es kommt aus einer ganz anderen Zeit, mit einem anderen Weltgeschehen und ganz anderen persönlichen Erfahrungen. Es spiegelt diese Erfahrungen auf seine Art und Weise wieder. Es ist nicht streng im dichterischen Aufbau, vielleicht auch in Teilen oder ganz von irgendwo kopiert, das kann ich heute nicht mehr feststellen, es ist mir auch nicht wichtig. Bemerkenswert ist aber, dass es genau so auf einer Familien Weihnachtsfeier von ihr vorgetragen wurde, weil es zu den Erfahrungen der Familie passte:.
Am Heiligen Abend
Heilger Abend ist es wieder
Froh ertönen Weihnachtslieder
Lichtvoll sieht man jedes Haus
Aber dort im Häuschen kleine
Sieht man nichts vom Lichterscheine
Und kein Jubel kam daraus

Drinnen saß im Dämmerlichte
Gram und Kummer im Gesichte
Eine Mutter mit dem Kind
Die Gedanken ließ sie gleiten
Rückwärts in vergangne Zeiten
Und sie seufzte „armes Kind“

Deinen Vater hast verloren
Eher als du warst geboren
In sein Antlitz sahst du nie
Auf das Schlachtfeld zog er mutig
Aber dort im Kampfe blutig
Kam er um, man weiß nicht wie

Ob in fremder Erd begraben?
Ob sie ihn gefangen haben?
Ob er lebet?
Für uns tot!
Niemand will was von ihm wissen
Seit der Schlacht in Rußland dort

Wie sie so in ihren Sorgen
Kummer um den nächsten Morgen
Drang vom Nachbarhaus daneben
Lobgesang und Jubelleben
Lärmend an der Mutter Ohr

Und sie sah in lichtem Raume
Bei dem schönen Weihnachtsbaume
Eltern bei der Kinderschar
Und die vielen Weihnachtsgaben
Die sie aufgestapelt haben
Boten lustgen Anblick dar

Als der Knabe dies gesehen
Hub er an mit leisem Flehen
„Mutter, wo ist unser Baum?“
„Mutter, wo sind meine unsre Gaben“
„Wenn wir einst den Vater haben,
schmückt auch er mir einen Baum?

Ach, auf dieses Kindes fragen,
konnt die Mutter nichts mehr sagen
Kummer brach ihr fast das Herz
Seit der Vater fortgeritten
Kam die Armut hergeschritten
Und des Heimwehs bittrer Schmerz

Wär der Vater noch zugegen
Wär im Hause reicher Segen
Weihnachtsgaben, Weihnachtsschein
Aber ach, sie kanns kaum fassen
Einsam ist sie und verlassen
Mit dem Kinde ganz allein

Und sie legt den Knaben nieder
Kniet vor seinem Bettlein nieder
Schluchzend fleht sie inniglich
„Guter Gott sollt er noch leben
Willst du nicht den Vater geben
Meinem Kind? Erhöre mich!“

Während dort die Mutter betet
Flehend zu dem Heiland redet
Und im klagte all ihr Weh
Kam ein Mann mit müden Tritten
Auf das Dörflein zugeschritten
Und erblickt ers auf der Höh

„Wird Elisa wohl noch leben?“
Sprach er leise fast mit Beben
„Wird sie wohl noch Witwe sein?
Wird das Kind, das sie getragen
Schon zu einem andern sagen
Vater, liebster Vater mein“?

Oh, wie hats in ihm gewogen
Oh, wie hat es ihn gezogen
Zu dem Weibe zu dem Kind
Guter Gott, oh hab Erbarmen
Lass mich heute noch umarmen
Die mir meine Liebsten sind

Endlich steht er vor der Hütte
Geht mit leisem, sanftem Tritte
Zagend in sein eignes Haus
Vor der Türe bleibt er stehen
Horcht und hört sein Weibchen flehen
Länger hält ers nicht mehr aus

Er tritt ein ins kleine Zimmer
Sie, die betet hört es nimmer
Denn sie ringt gleich Jakob dort
Und er kniet an Ihrer Seite
Dankt und weint vor Schmerz und Freude
Wahrlich heilig ist der Ort

Laut ertönen Dankeslieder
Er hat seine Liebsten wieder
Sie den heißgeliebten Mann
Den Versorger, den Berater
Und der Knabe hat den Vater
Großes hat der Herr getan

Heilger Abend ist es wieder
Froh ertönen Weihnachtslieder
Lichtvoll sieht man jedes Haus
Aber dort im Häuslein kleine
Dort bei mattem Lampenscheine
Ist die Freude übergroß

Die Zeitungsmeldung und das Gedicht liegen 70 Jahre auseinander, zwei Generationen. Es bleibt jedem selbst überlassen, wie er die beiden Texte bewertet, die Diskrepanzen aber auch den Gleichklang der tieferliegenden Sorgen bemerkt.
Im Frühjahr des Jahres 1950 kam mein Großonkel und Soldat Ewald Heinbach ganz überraschend, ohne Vorankündigung, über die Höhen des Rabenhains in sein Heimatdorf Siegen-Bürbach zurück. Er hatte es im Januar 1943 verlassen und man hatte seit August 1943 nichts mehr von ihm gehört. „Vermisst!“.
Es gibt schwere Schicksale, die bleiben und es gibt schwere Schicksale, die lösen sich auf. Vielleicht ist auch das eine frohe Botschaft zum Corona Weihnachten 2020.
die nächsten Veranstaltungen:
Mo. 07.12.2020-11.01.2021 Vipassana Meditation für Geübte – 5 Abende – ASP)
Do. 17.12. 20AA75 Achtsamkeitsabend Thema: Stille-Schweigen (Raum Kabat-Zinn – ASP)
Do. 14.01. 20AA76 Achtsamkeitsabend Thema: Ins neue Jahr (Raum Kabat-Zinn – ASP)
Die nächsten größeren Seminare und Kurse
24.01. – 26.1.2021 Ruhe suchen – Ruhe finden (Seminarhotel Odenwald – ASp)
Dieses Seminar wird natürlich nur durchgeführt, wenn die dann geltenden Pandemie-Regeln dies erlauben.
01.03. – 26.4.2021 MBSR 8 Wochen Kurs (21ASP-MBSR-14 im Raum Kabat-Zinn – ASp)
Diese Gruppe wird auf 6 TeilnehmerInnen beschränkt, es gibt noch 2 Plätze
Bitte das Gebäude mit Mund/Nasenschutz betreten, bis sie Ihren Platz erreicht haben, dort darf der Mundschutz abgenommen werden.
Bitte beachten Sie immer die Abstandsregel von 1.5m, besonders auf dem Weg zum Platz
Zusammen müssen wir neue Erfahrungen sammeln, wie wir in Zeiten der Pandemie solche Veranstaltungen durchführen. Gehen wir es an!
Danke für das Lesen. Bis bald!
Drehpunkt-Leben Institut
Alfred Spill und Team