Newsletter 15.5.2021


Drehpunkt Leben
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„Eine Begegnung mit der Vergangenheit im Hier und Jetzt“
Liebe Leserinnen und Leser,
ich stehe auf dem Turm der Ruine Ginsburg und schaue hinein in mein Siegerland. Man muss diese Ruine schon kennen, um sie zu finden, steht sie doch etwas versteckt im Wald auf einem Ausläufer des Rothaargebirges, im nordöstlichen Zipfel des Siegerlandes.
Von ihrem Turm hat man eine wunderbare Aussicht weit über meine alte Heimat. Dort drüben in einem der Täler, in Bürbach, wurde ich vor 66 Jahren geboren und lebte dort die erste Hälfte meines Lebens. Als ich 34 war, zog ich weg und seit dem bin ich nicht mehr an diesem Ort gewesen. Dass ich jetzt hier bin, ist eher ein Zufall.
Wegen privater Verpflichtungen musste ich mich Ende März für ein paar Tage aus Bensheim zurückziehen. Da alle Hotels coronabedingt geschlossen waren, ebenso der Benediktushof und das Odenwald-Seminarhotel, beschloß ich, meine Schwester in meiner alten Heimat im Siegerland zu besuchen. Meine Schwester hat ein kleines neues Haus gebaut, genau zwischen meinem alten Wohnhaus und dem Wohnhaus meiner Eltern, meinem Geburtshaus. Dort bin ich untergekommen, nicht aufs Haus genau daheim, aber sehr, sehr nahe dran.
Das Tal dort ist eng und ich sehnte mich nach einem weiten Blick und so kam mir der Gedanke, zur Ginsburg zu fahren. Viele Male bin ich vor langer Zeit diesen Weg gefahren und ich machte mir keine Gedanken, dass ich den Weg nicht finden könnte.
So fuhr ich aus Bürbach heraus, den Berg hinauf zur Dautenbach und dann rechts ab wieder den Berg hinunter nach Dreis-Tiefenbach. Diese Straße kenne ich nur besäumt von Wäldern und Wiesen, doch jetzt ist alles bebaut mit neuen schicken Häusern, es ist mir fremd. Unten stoße ich auf eine ausgenaute B62 und jetzt weiß ich nicht mehr weiter. Links herum oder rechts herum? Ich kenne mich nicht mehr aus. Mein Körperimpuls sagt rechts, in Richtung Netphen und dem folge ich.
In Netphen wohnte eine Klassenkameradin und gute Freundin, so kommt es mir in den Sinn, jetzt nach mehr als 40 Jahren, denn seit dem Abitur haben wir uns nur einmal noch bei einem Klassentreffen gesehen. Plötzlich ist ein Schwall von gemeinsamen Erleben in meinem Geist präsent, ich habe Ihr helles fröhiches Lachen im Ohr, erinnere mich, das sie mit 1,60 sehr klein war, krause Haare hatte und sie am liebsten ihre dunkelbraune Cordhose trug. Immer mehr Einzelheiten schwemmen mein Bewustsein. Ohne eigenen Beschluss merke ich, wie ich automatisch zu ihrem Wohnhaus fahre, mein Körper kennt den Weg, ich könnte ihn aber nicht bescheiben. Nein, ich halte nicht an, dazu bin ich jetzt viel zu verwirrt, zu sehr gefangen in Wellen der Erinnerung.
So folge ich den Körperimpulsen, fahre von Netphen nach Deutz: dort wohnte mein Freund Christoph B., mit dem ich so oft Mathe geübt habe. Er wollte Arzt werden, keine Ahnung, ob ihm das je gelungen ist, am letzten Klassentreffen war er nicht dabei.
Automatisch biege ich ab nach Neckersdorf, hier erkenne ich nichts wieder. Die Sieg entlang geht es weiter nach Walpersdorf. Hier hat es mal die einzigen Kohlemeiler des Siegerlandes gegeben, die noch Grillkohle nach der alten Tradition aus Hölzern brannten. Und richtig, genau dort, wo ich sie Erinnerung habe, stehen sie noch, diese Tradition lebt noch.
Dann in vielen Kurven hoch auf die Eisenstraße, die schnurgrade durch dichte Fichtenwälder führt. Führte! Jetzt gibt es nur noch kahle, abgeholzte Hügel, ein Schlachtfeld des Borgenkäfers. Ich bin geschockt. Wald und Bäume sind der Lebensnerv meiner Jugend und sind es immer noch. Doch hier oben auf der Benfe, auf dem Giller, an der Siegquelle gibt es das alles nur noch in der Erinnerung.
Die Straße zum Gillerparkplatz ist von großen Maschienen zerfahren, der Fußweg zur Ginsburg auch. Matsch, Schlamm, Schlaglöcher, Regenpfützen und alles menschenleer. Ein Jahr Corona, geschlossene Gaststätten und das fürchterliche Baumfällen haben diesen Ort in eine Mondlandschaft verwandelt. Ich kenne ihn anders,
Hier haben wir mit befreundeten Familien über Jahre immer zu Pfingsten in einem riesigen Topf über offenem Feuer Suppe gekocht, zusammen einen wundebaren Sonntag verbracht. Später waren dann auch meine erste Frau, Susanne, und die Kinder dabei. Susanne ist seit einem Jahr tot, gestorben an Corona. Auf einer Freifläche stehen noch zerfallene Reste des großen Klettergerüstes für Kinder, der jetzige Spielplatz ist woanders. Auf dieses Klettergerüst war Susanne hinaufgeklettert, ihr wurde schwindelig und sie kam ohne Hilfe nicht mehr herunter. Von mir wollte sie sich damals schon nicht mehr helfen lassen. Unsere Ehe war damals schon so marode, wie das Gerüst jetzt. Ich merke, wie diese Erinnerungen mit Schmerz behaftet sind und ich blocke ab.
Ich stehe auf dem Turm der Ruine Ginsburg und schaue hinein in mein Siegerland, aber ich schaue auch hinein in meine Vergangenheit. Lange stehe ich dort und schaue. Dieses raue Land mit der harten, kurzen Sprache. Die hart arbeitenden Menschen, der dauernde Regen, die Kühle und Nässe, der viele Schnee im Winter. Das alles hat mich geprägt und ist immer noch da. Nichts ist weg, wirklich weg, nur manches ist nicht mehr präsent. Und alles, was noch da ist, ist wirkmächtig im Hier und Jetzt, ob ich es spüre, oder nicht.
Die alten Freuden sind noch da und die alten Leiden. Es braucht einen Blick, ein Ortsschild, ein Wort, ein Gebäude, eine bestimmte Brücke, einen Baum, eine Bank und unglaubliche Details sind wieder präsent und wenn ich die Augen schließe, schrumpfen die Jahre zu Sekunden.
Das Alte ist immer vermischt mit dem Jetzt.
die nächsten Veranstaltungen:
Der Achtsamkeitsabend wird fast wieder in seiner alten Form stattfinden, es wird viel Meditation und auch Austausch zum Thema geben. Er wird wieder 90 Minuten dauern, wenn auch mit einer Lüfungspause.
Achtsamkeits Abende: Beschränkung auf maximal 6 Teilnehmer.
Donnerstag, den 20.05.2021 Achtsamkeitsabend
Donnerstag, den 10.06.2021 Achtsamkeitsabend
Donnerstag, den 22.07.2021 Achtsamkeitsabend
Abendseminare: Beschränkung auf maximal 6 Teilnehmer.
Montag, den 07.06.2021
Was mich bewegt: Furcht – Angst – Panik – was tun?
Donnerstag, den 01.07.2021
Was mich bewegt: Arbeit, wann macht sie mich glücklich, wann krank?
Bitte das Gebäude mit Mund/Nasenschutz betreten, bis sie Ihren Platz erreicht haben, dort darf der Mundschutz abgenommen werden, wenn alle einverstanden sind.
Bitte beachten Sie immer die Abstandsregel von 1.5m, besonders auf dem Weg zum Platz
Danke für das Lesen. Bis bald!
Drehpunkt-Leben Institut
Alfred Spill und Team
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